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Mit Zuversicht in die Zukunft

5. April 2020

«Seid endlich ruhig», zischt Sandra. Im Wohnzimmer herrscht dicke Luft, seit die Welt stillsteht. Die negativen Schlagzeilen überstürzen sich: Explodierende Todes-Statistiken, unzählige Schicksale, ausgerufener Notstand. Mehr oder weniger eingesperrt, ohne soziale Kontakte versuchen wir das Geschehen auszusitzen. Warten bis es vorbei ist. Wie lange erträgt man eine solche Flut schlechter Nachrichten, ohne depressiv zu werden? Zuversicht ist es, die uns hilft und unsere innere Haltung unterstützt uns dabei. Wir alle haben es in der Hand, unsere Energie auf Dinge zu lenken, die uns guttun. Auch in der Krise.

Eingewickelt in eine Decke sitzt Sandra in der Sofaecke ihres Wohnzimmers und versucht angestrengt, sich der Zankerei zwischen ihrem Mann Fabian und ihrem halbwüchsige Sohn Tim um die TV-Fernbedienung zu entziehen. Schon immer fand sie ihre Wohnung zu klein, aber in diesem Tagen war sie unerträglich mickrig. Keinen Raum, in den sie sich hätte zurückziehen können. Da ist nur das dunkle Schlafzimmer und das winzige Bügelzimmer. Der Balkon liegt meist im Schatten und es ist noch zu kalt, um draussen zu sitzen. Tagsüber funktioniert ihr Göttergatte das Wohnzimmer zu seinem Homeoffice um. Sie war es so leid, seinen Videokonferenzen beiwohnen zu müssen oder ihm zuzuschauen, wenn er im späten Nachmittag mit seinen Kollegen zum obligaten virtuellen Bier via Zoom übergeht. Seine Sprüche wurden dann auch nicht besser. Zum Glück hat Tim sein eigenes Zimmer, wo der schulische Fernunterricht stattfinden konnte oder er sich mit seinen Kollegen in einem virtuellen Kriegsspiel duellierte. Es reichte ihr, seine unausstehliche Laune an den gemeinsamen Essen aushalten zu müssen. Wie lange dauert das alles noch? Sandra hält es fast nicht mehr aus. Weder darf sie zur Arbeit gehen, noch sich mit ihren Freundinnen treffen. Sie fühlt sich unsäglich einsam im Kreise ihrer Familie. Eingesperrt wie im Gefängnis. Gerade als sie vollends in ihrem Trübsal versinken will, ertönt das Signal einer eintreffenden SMS aus ihrem Handy: «Auch wenn uns Zuversicht und Lebensfreude manchmal so klein wie Zwerge vorkommen: Sie sind schlafende Riesen, die wir wecken können. Wenn Du nicht nach draussen gehen kannst, geh nach innen. Bleib zuversichtlich. Du hast es in der Hand».

Die Kraft der Zuversicht

Sandra stutzt. Ich habe es in der Hand! Es ist mein Entscheid, welchen Gedanken ich nachhänge und wo ich meine Energie hineinstecke. Ihre Gedanken drehen sich um die erhaltene Nachricht. Stimmt! «Ob Du denkst, Du schaffst es, oder ob Du denkst, Du schaffst es nicht, Du hast immer recht». Plötzlich kommt ihr das kleine Schild in den Sinn, welches bei einer Freundin an der Wand hängt. Eine andere Beschreibung des berühmten Placebo-Effekts aus der Medizin. Wer an seine Heilung glaubt, aktiviert unbewusst Selbstheilungskräfte, die tatsächlich bei der Bewältigung von Krankheiten helfen. Studien aus medizinischen Untersuchungen belegen immer wieder die erstaunliche Kraft der «selbsterfüllenden Prophezeiung»: Wer zuversichtlich an Probleme herangeht, schafft unbewusst die Voraussetzungen dafür, sie auch zu bewältigen – während die pessimistische Einstellung «das bringt doch sowieso nichts» zielsicher die Basis für negative Erlebnisse schafft. So fühlen sich kurioserweise alle am Ende in ihrer Weltsicht bestätigt: Die Zuversichtlichen als auch die Schwarzmaler.

Kaum etwas spornt Menschen so sehr an wie die Kraft der Zuversicht – die Aussicht, dass ein Vorhaben gelingen und ein Problem überwunden werden kann. Sandra dachte an ihre letzten Arbeitstage vor dem Shutdown: War nicht sie es, die sich in den letzten Monaten an ihrem Arbeitsplatz im Coiffure-Salon zunehmend darüber wunderte, wie ihre Kunden trotz guter wirtschaftlicher Lage immer besorgter in die Zukunft schauten? Zwar mochte sie die grossmauligen Optimisten auch nicht, die auf oberflächliche Weise davon ausgingen, dass es schon gut komme. Die Börse hat sich noch immer erholt. Das «schneller, höher, besser» hatte sich immer wieder durchgesetzt. Vor COVID19 herrschte schon beinahe ein Zwang zum Optimismus. Wir haben alle sehr hohe Erwartungen an uns und leben unter dem Druck, alles sei erreichbar. Es gibt nun einmal Situationen im Leben, in denen wir Schwierigkeiten nicht aus dem Weg räumen können. Da braucht es eine innere Stärke. Das ist der Kern der Zuversicht: Man ist überzeugt, dass das, was man tut, richtig ist – auch wenn die Dinge nicht gut ausgehen. Der Zuversichtliche sieht die Schwierigkeiten deutlich, während der Optimist diese eher ausblendet. Denn die Zuversicht erlaubt, auch mit Schicksalsschlägen umzugehen. 

Gib Dir einen Ruck

«Von einem Schicksalsschlag bin ich nun wirklich weit entfernt», murmelt Sandra. So kann das nicht weitergehen. «Dann lasse ich das Glas mal halb voll sein», sagt sie zu sich und steht auf. Durch den Shutdown hat sie nun schliesslich viel Zeit gewonnen. Die will sie jetzt für sich nutzen. Da war doch noch die alte Stehlampe im Keller und ein paar Kerzen hatte sie auch noch im Wohnzimmerschrank. Sarah macht sich augenblicklich daran, das Bügelzimmer zu einer eigenen Kleinoase umzufunktionieren. Der Campingtisch vom Sommer dient zwischenzeitlich als kleiner Bürotisch und der Platz reicht auch, ein Badetuch auszulegen, welches als Yogamatte herhalten muss. Sandra realisiert mit einem Schlag, dass sie ihr Augenmerk wieder auf Dinge richten sollte, die sie nähren und sie mit Freude erfüllen. 

Negatives hält der Mensch instinktiv für wichtiger als Positives, das hatte sie irgendwo gelesen. Unser Gehirn behandelt Negatives vordringlich, weshalb wir auf mögliche Gefahren stärker reagieren als auf Erfreuliches. Vielleicht ist das mit ein Grund, dass wir Leute, welche die Lage kritisch analysieren und auf Risiken hinweisen für wichtiger nehmen, als Leute, die über positive Dinge reden. Die Medien spiegeln uns diese Haltung täglich, und Sandra war ihnen komplett verfallen. Die negativen Schlagzeilen hatten sie in ein persönliches Loch gerissen. Ab sofort will sie jeden Morgen eine Yoga-Session praktizieren. Schliesslich stellt ihr Studio täglich neue Yoga-Programme kostenlos ins Netz.

Unzählige Möglichkeiten

Schon bald ist der Raum komplett umgestaltet. Er ist zwar klein, aber Sandra fühlt sich sofort wohl. Zuerst will sie mehr über ihr Schlüsselwort «Zuversicht» herausfinden. Diese Möglichkeiten im www! Wie hatten das bloss unsere Vorfahren gemacht? In philosophischen Foren erfährt Sandra, dass Zuversicht offenbar ein Gefühl ist, mit dem wir alle zur Welt kommen. Es ist der feste Glaube daran, dass es gut geht. Jedes Kind bringt diese Überzeugung mit auf die Welt. Denn ohne hätten wir keine Entdeckerlust, wären nicht neugierig und hätten wohl einfach nur Angst vor der Welt. Macht man im Verlaufe des Lebens die Erfahrung, dass man vieles gut hinkriegt und Herausforderungen meistern kann, wird aus dieser Erfahrung eine innere Haltung oder eine feste Überzeugung. Insofern existiert Zuversicht als etwas Angeborenes, das man verlieren, aber auch auf eigenen Erfahrungen basierend verinnerlichen kann. Das Leben organisiert sich selber. Das zeigt uns auch die Natur immer wieder auf eindrückliche Weise. Das Leben in sich trägt also Zuversicht, solange es lebendig ist. «Solange es lebendig ist», wiederholt Sandra. «Was hält mich selber denn lebendig und entfacht das Feuer der Begeisterung in mir?» Da war doch ihr langersehnter Wunsch nach Schreiben. Schon als junger Teenager hatte sie davon geträumt, einen Roman zu schreiben, wie sie selber unzählige verschlungen hatte. Beim Lesen konnte sie alle Sorgen vergessen und sich ganz ins Geschehen der Seiten versetzen. Sie stellte es sich wunderbar vor, sich so ausdrücken zu können. Bevor sie ihre Gedanken ganz zu Ende gedacht hat, tippen ihre Finger schon den gewünschten Begriff bei google ein: Schreiben lernen. Sandra ist erstaunt über das riesige Angebot. Der grösste Teil davon wird gar in Fernkursen angeboten. Sandra vertieft sich ganz ins Studium der verschiedenen Angebote. Je mehr sie über ihr Vorhaben erfährt, desto grösser wird ihre Begeisterung. Nach zwei Stunden entschliesst sie sich für einen Fernkurs mittlerer Länge. Die Schulungsunterlagen werden ihr sofort zugestellt und sie stürzt sich wissbegierig auf den Inhalt. Schon bald macht sie sich daran, die ersten Aufgaben zu lösen, probiert Kreativitätstechniken aus und beginnt mit kleinen Schreibübungen. Sie ist ganz in ihrem Element. Wann hatte ihr zum letzten Mal eine Beschäftigung so viel Spass gemacht? Dem Shutdown sei Dank!

Mit geröteten Backen kommt sie im späten Nachmittag ins Wohnzimmer. Sie empfindet es nicht mehr als nervend, dass ihr Mann hier arbeitet. Er ist gerade daran, mit seinen Arbeitskumpeln anzustossen und sie lässt es sich nicht nehmen, ihm vom Sofa aus zuzuprosten. Sie kann es kaum erwarten, bis er auflegt und sie ihm von ihrem Tag erzählen kann. Und sie freut sich schon heute auf die morgen zu lösenden Schreibaufgaben. Unglaublich, dass wir die Bedeutung der Zuversicht oft erst erkennen, wenn wir als Individuen unseren Mut, Unternehmen ihren Plan, Teams ihre Orientierung oder Organisationen ihre Struktur verlieren. Nutzen wir doch die Krise, uns dessen bewusst zu werden und die Zuversicht als innere Haltung in uns zu manifestieren.

kathinkarina

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