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Macht Freiheit das «Wir» zum «Ich»?

15. August 2019

Gerade eben hatten wir ihn wieder gefeiert, unseren Nationaltag. «Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern…. frei sein… eher den Tod, als in der Knechtschaft leben», so schworen damals die Eidgenossen auf dem Rütli. Hunderte Jahre später in einer freien Demokratie steht die individuelle Freiheit an erster Stelle. Zwar ist die persönliche Freiheit heute gesetzlich verankert. Doch wie gehen wir mit ihr um? 

Vereinfacht kann man sagen: Freiheit ist, wenn kein Zwang herrscht. Wenn man selber bestimmen kann, ist man frei. Freiheit ist ein Zustand, in dem man nicht unterdrückt sondern unabhängig ist. Dabei hat man immer die Wahl, was man tut oder aber nicht tut. Eigentlich sind wir frei. Doch «eigentlich» relativiert. Denn obwohl die Freiheit zu den Grund- und Menschenrechten gehört, herrscht auch in einer modernen Demokratie keine völlige Freiheit. Denn die Freiheit eines einzelnen darf diejenige der anderen Menschen nicht einschränken. So steht es auch in unserer Verfassung. 

In der Vergangenheit gab es unterschiedliche Auffassungen von Freiheit. In der Antike waren zum Beispiel nur die städtischen Bürger und die Herrscher frei und nur sie hatten entsprechende Rechte. Viele Menschen lebten damals in der Sklaverei und hatten wenige bis gar keine Rechte. Auch im Mittelalter gab es verschiedene Stufen der Freiheit. Denn Freiheit war damals in keinem Gesetz definiert und in der Regel davon abhängig, in welcher Stellung die Menschen lebten. So konnten vorwiegend Menschen mit Macht, Einfluss und Reichtum Freiheit geniessen.

Für unser Land ist Freiheit seit seiner Entstehung ein grosses Thema. Als Geburtstermin der Schweiz gilt allgemein der 1. August 1291, Todesjahr des ersten deutschen Königs aus dem Haus der Habsburger, Rudolf von Habsburg. Die Alte Eidgenossenschaft entstand als loses Bündnis der drei Talschaften Uri, Schwyz und Unterwalden. Man lehnte sich gegen die Vögte der Grafen von Habsburg auf. Das Ziel war nicht eine Loslösung vom Deutschen Reich, sondern die Rückgewinnung von Freiheit in Form alter Autonomierechte, was im Bundesbrief von 1291 niedergeschrieben wurde.

In der amerikanischen Verfassung von 1787 wurde die Freiheit aller Menschen zum ersten Mal als Verfassungsgrundsatz festgeschrieben. Zwei Jahre später lautete die Parole der Französischen Revolution «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit». Die Schweiz hat die Freiheit in ihrer ersten Bundesverfassung vom 12.September 1848, mit der unser Land vom Staatenbund zum Bundesstaat geeint wurde, im obersten Gesetz verankert. Damals wurden die Grundlagen dafür gelegt, was wir heute unter Freiheit verstehen: Es ist die Freiheit zur freien Entfaltung der eigenen Persönlichkeit.

Grenzen der Freiheit

Begrenzt wird die Freiheit des Einzelnen allerdings durch die Rechtsvorschriften, an die sich jeder halten muss. Die eigene Freiheit endet also spätestens dort, wo die Freiheit anderer geschützt werden muss. Manchmal macht es beinahe den Anschein, als täten wir alles, um uns mittels Vorschriften, Regeln und Verboten um diese Freiheit zu bringen. Vielleicht sollten wir einmal darüber nachdenken, warum in unserer Gesellschaft das «Wir» langsam zu einem «Ich» verkommt, warum die Gemeinschaft durch den Egoismus verdrängt wird. Die Solidarität unter den Menschen schwindet und immer mehr denken nur noch an sich. Wir empfinden den Umgang untereinander oft als ruppiger, respektloser und unsolidarischer. Was früher zum Standard des grundlegenden Anstandes gehörte, geht heute immer mehr vergessen. Da erstaunt es nicht, dass es zunehmend Vorschriften braucht. Der Egoismus provoziert diese. 

Aber vielleicht reden wir auch einfach zu wenig miteinander. Sich in den verschiedensten Gameformen mit mehr oder weniger Aggressionspotential, über einen der unzähligen Social Media Kanäle via einer Tastatur auszutauschen, wird oft als bequemer empfunden. In einem persönlichen Gespräch sollte man schliesslich aufeinander eingehen. Vieles ist negativ geworden. Wir wissen, was wir nicht wollen. Dabei vergessen wir, uns zu verständigen, was wir wollen. Doch auf Negativität wurde noch keine Zukunft erbaut. Und dennoch kann der Einzelne nicht die ganze Gesellschaft ändern. Aber was er kann, ist in seinem Umfeld beginnen. Vielleicht suchen wir mit dem nervigen Nachbarn zuerst mal das Gespräch, bevor wir ihm unseren Anwalt auf den Hals hetzen. Und vielleicht reduzieren wir unseren Freundeskreis auf diejenigen Menschen, die da sind, wenn wir sie brauchen. Die Hunderten von Facebook Freunde gehören da wohl eher nicht dazu.

Freiheit kann anstrengend sein

Freiheit ist nicht immer nur ein strahlend blauer Himmel. Freiheit kann anstrengend sein. In der Schule gibt es Hausaufgaben und daheim muss im Haushalt mitgeholfen werden. Im Job sagt uns ein Vorgesetzter, was wir zu tun haben. Wir haben Termine einzuhalten und müssen ab und an Dinge erledigen, die uns zuwider sind. Damit sind die meisten von uns vertraut. So wurden wir erzogen, dass jemand kommt und uns sagt, was wir zu tun haben. Diese Umgebung mag manchmal anstrengend sein, und wir fragen uns, wo da die Freiheit bleibt. Gleichzeitig aber bieten uns diese Umstände eine Art Leitfaden dafür, wie wir uns zu verhalten und was wir zu tun haben. Wir müssen uns nicht selbst organisieren oder gar einen eigenen Plan aufstellen. Wir müssen uns keine Gedanken darüber machen, was wir tun möchten, was wir tun müssen und was wir unterlassen wollen. Ein Leben in Selbstständigkeit hingegen ist ohne Eigeninitiative und ohne eine detaillierte Tagesplanung nicht denkbar und braucht genau diese Überlegungen. Das ist anstrengend!

Zu viel Freiheit kann überfordern

Zu viel Freiheit kann uns lähmen, weil sie uns überfordert. Insbesondere die Freiheit bei der Wahl zwischen einer grossen Zahl an Alternativen und Möglichkeiten. Wer kennt sie nicht, die Ermüdung zu entscheiden. «Mir ist egal», ist dann die Antwort oder wir machen einfach, was die anderen entscheiden. Unabhängig davon, wie ausgeprägt unsere Willenskraft ist: Entscheidungen fällen und zwischen Alternativen wählen ermüdet uns. Dieses psychologische Phänomen nennt man übrigens «Decision Fatigue». Bedeutende Politiker und Geschäftsleute wie der frühere US-Präsident Barack Obama, Steve Jobs oder Mark Zuckerberg sind dafür bekannt, dass sie ihre Alltagskleidung auf ein oder zwei Outfits reduzieren, um die Anzahl der Entscheidungen zu begrenzen, die sie an einem Tag treffen müssen. 

Freiheit bedeutet auch Verantwortung

Freiheit ist die Abwesenheit von Zwängen. Das heisst, dass wir nicht nur frei wählen können, was wir tun wollen und was nicht, sondern dass wir müssen. Wir müssen wählen. Egal wofür wir uns entscheiden. Wir sind für unsere Wahl, unser Tun und die Folgen dessen verantwortlich. Das heisst, wir dürfen stolz sein, wenn unsere Freiheit Früchte trägt, wir richtig entschieden haben und Ziele erreichen konnten. Wenn allerdings das Gegenteil der Fall ist, müssen wir ebenfalls hinschauen, egal wie unangenehm das ist, und die Konsequenzen unseres Handelns tragen. Dasselbe gilt auch für das Nichttun. Für die Unfähigkeit zu handeln und nichts zu unternehmen. Fehler dürfen gemacht werden. Wir können aus ihnen lernen. Wir sollten uns jedoch unserer Verantwortung bewusst sein. 

Jeder, der sich im Alltag gefangen fühlt, im Job oder in einer Beziehung unglücklich ist, sollte rasch schauen, wie er aus diesem Zustand herauskommt. Nicht immer muss dabei das komplette Leben über den Haufen geworfen werden, um neu anzufangen. Aber es ist mit Sicherheit mit grösseren Anstrengungen verbunden, als die Situation auszusitzen, weiter zu ertragen und dabei mehr und mehr abzustumpfen. Dabei realisieren wir immer mehr, was wir nicht wollen und vergessen dabei zunehmend, was wir wollen und wohin unser Weg in die persönliche Freiheit gehen soll.

Die Gesellschaft beeinflusst uns

Unsere Freiheit soll ihre Grenze nur an der Freiheit der anderen finden. In unserer freien Gesellschaft herrscht Meinungsfreiheit. Jeder darf seine Meinung kundtun, sofern er nicht etwa Unwahrheiten über andere verbreitet. Es herrscht Freizügigkeit. Jeder darf herumreisen, sofern er am Grenzübergang die nötigen Papiere miführt.

Gerade in ethischen Diskussionen, in denen die Freiheit des Individuums hochgehalten wird, vergisst man aber gerne etwas: die Psychologie unserer Entscheidungsfindung. In der Praxis gibt es ihn nicht, den absolut freien Entscheider. Warum zum Beispiel läuft das Geschäft mit schönheitschirurgischen Eingriffen so gut?: Schätzungen in der Schweiz gehen von jährlichen Wachstumszahlen von bis zu zehn Prozent aus. Es gibt viele chirurgische Möglichkeiten, die einem das Gesicht und den Körper nach Wunsch versprechen und die Menschen sind in ihrer Wahl frei. Niemand zwingt sie, sich operieren zu lassen. Das stimmt insofern, dass niemand gewalttätig oder von Gesetzes wegen bedroht wird, wenn er zum Schönheitschirurgen geht. Dennoch. Unsere Bedürfnisse, unsere Absichten, unsere Wünsche und Ziele sind nicht nur Folgen unseres willentlichen und bewussten Denkens, sondern auch unserer Erfahrungen in einem sozialen und kulturellen Kontext.

Wenn wir aufwachsen, wenn wir erzogen werden, wenn wir zur Schule gehen und wenn wir Freundschaften schliessen oder mit anderen Menschen in Kontakt treten, lernen wir laufend, welches Verhalten angemessen, erwünscht oder unerwünscht ist. Wir machen diese Erfahrungen nicht nur dadurch, dass uns jemand diese Regeln erklärt, sondern auch durch soziale Belohnung wie zum Beispiel Komplimente oder Strafe durch Kritik und Tadel. Diese Prozesse schlagen sich in unserem Körper nieder. Wenn wir uns von sozialen Erwartungen nicht beeinflussen lassen, kann das unangenehme Konsequenzen haben. In Freiheit entscheiden ist nicht immer einfach. Wir sind nicht nur in gewissem Masse sozial geprägt, sondern auch sozial abhängig. Manche vielleicht etwas mehr, andere etwas weniger.

Gerade in einer vernetzten Welt wie der heutigen haben uns nicht nur unsere Erziehung und unser Leben geprägt, sondern wir werden ständig und in zunehmendem Mass beeinflusst. Gerade deshalb sind eigene Werte essentiell, die jeder für sich in seinem eigenen Umfeld finden und festlegen kann. Noch nie hatten wir so viele Freiheiten wie heute. Aber wir mussten auch noch nie mit soviel Freiheit umgehen. Seien wir uns dieser Chancen bewusst und definieren wir unsere ganz eigenen Werte, immer mit einem Gedanken auch an Umwelt und Mitmenschen. Das gibt uns unsere ganz persönliche Freiheit und bewirkt, dass neben dem «Ich» auch ein «Wir» wieder gestärkt wird.

kathinkarina

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