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MUT

12. Juli 2020

Helden springen von Dächern, kämpfen sich durch reissende Flüsse und Feuersbrunsten und wild schreiende Heeresführer preschen auf Pferden in den Kampf: Wir kennen sie aus Filmen: Die Mutigen. Aber es gibt sie auch im Alltag. Die Jungunternehmerin, die mutig ihr Projekt lanciert, voller Überzeugung, dass es gelingt. Aber auch der kleine Junge, der in der Badi zum allerersten Mal vom höchsten Brett ins Wasser springt. Mutig ist nicht, wer keine Angst kennt. Mutig ist, wer sie kennt und überwindet. 

Der Atem geht schnell oder stockt. Die Hände sind schweissnass. Hitze schiesst durch unseren Körper. Wir zittern. Gedanken rasen durch unsern Kopf. «Was, wenn…?» Wir alle kennen das Gefühl. Wir alle empfinden es: Angst. Das Gefühl, aufgrund einer herausfordernden oder beängstigenden Aufgabe zu zaudern. Schon als Kind wollten wir in Mutproben beweisen, dass wir Ängste überwinden können. Filme, wie die «Fünf Freunde» und andere Kinderabenteuer machten es uns vor. Mit Blutbrüderschaft, mit selbst geritzten Tatoos, mit einem Kaugummiklau im Volg-Laden um die Ecke oder mit sinnlosen Sprüngen von meist zu hohen Objekten stellten wir unseren Mut unter Beweis. Oft haarscharf an der Legalität, manchmal knapp über der roten Linie, oft uns selber in Gefahr bringend, konnten wir so zeigen, dass wir uns mehr trauten, als andere.

Gesetz der Polarität

Mut und Angst. Sie gehören zusammen wie Tag und Nacht. Ohne das eine, kann das andere nicht sein – nicht existieren. Ohne das Dunkel, kann kein Morgen Licht bringen. Mut ist auch im Alltag häufig das Gegenstück zur Angst. Wer kennt nicht das mulmige Gefühl vor einem heiklen Termin beim Vorgesetzten. Die sich drehenden Gedanken, wie das eigene Anliegen dargelegt werden kann. Die Angst vor Entscheiden, die einem nicht gefallen werden. Der Kampf gegen das eigene Ego, das einen immer wieder zu überzeugen versucht, das eigene Anliegen sei vorwitzig oder gar egoistisch. Tief durchatmen und allen Mut zusammennehmen, heisst es dann, bevor wir den Fuss ins Büro des Chefs setzen und uns für unser Anliegen einsetzen. 

Es braucht beide Pole. Mutige Menschen kennen durchaus Ängste. Aber sie schaffen es, diese zu überwinden. Sie lassen sich nicht von der Angst in ihrem Handeln einschränken. 

Oft haben sie mehr Vertrauen in sich und ihre Fähigkeiten und durchschnittlich sind sie vielleicht etwas extravertierter als andere. Mut kann auch als Wagemut oder Beherztheit bezeichnet werden. Damit ist gemeint, dass man sich etwas zu wagen getraut, sich zum Beispiel in eine potentiell gefährliche Situation zu begeben. Man getraut sich nicht nur, man traut sich etwas zu, wobei wir wieder beim eigenen Selbstbewusstsein angekommen sind. Spannend ist dabei der Aspekt der aktiven und passiven Art von Mut: Auf der Hand liegt die Form von Mut im Tun. Man getraut sich, etwas zu wagen, indem man es macht, beispielsweise einen Tandem-Fallschirmsprung zu absolvieren. Da braucht es Mut zu springen, sich ins endlose Nichts fallenzulassen, dem professionellen Fallschirmspringer, an den man angeschnallt ist, zu vertrauen. Mut braucht manchmal aber auch bewusstes Nicht-Tun oder bewusstes Unterlassen. Vielleicht ist das die etwas verstecktere Art von Mut, wenn wir etwas aus tiefer Überzeugung nicht tun: Die Verweigerung einer Sachbeschädigung unter Gruppenzwang oder wie heute bei Jugendlichen häufig, die Verweigerung zum Mitmachen bei Gruppensaufspielen, die nicht selten in der physischen Ohnmacht enden. «Nein» zu sagen, braucht manchmal Mut. Denn im Hinterkopf lauert nicht selten der entgegengesetzte Pol, Angst. Die Angst, ausgegrenzt oder nicht geliebt zu werden. Dann braucht es Mut, sich selber treu zu bleiben. 

Mut in verschiedenen Formen

Die physische Mutform, eine mögliche Schädigung von Körper und Leben in Kauf zu nehmen, ist uns allen bekannt. Wir leben sie beim Sport oder auf Urlaubsabenteuern: Wenn wir mit dem Mountainbike auf einem Downhill-Trail talwärts rasen, beim Tauchen immer tiefer Richtung Grund gleiten oder wenn wir uns im hochalpinen Gebirge über einen Grat wagen. Selbst mit dem neuen Rennvelo um den Zugersee zu fahren, benötigt physischen Mut. Sobald uns ein Helm auf dem Kopf schützen muss, setzen wir uns einem gewissen Risiko aus. Dem Risiko zu stürzen, der Möglichkeit angefahren zu werden. Wir wagen es trotzdem. Nur haben wir uns daran gewöhnt und nehmen es als Mut gar nicht mehr wahr.

Bei der Form des sozialen Muts, handelt es sich um das Eingehen der Gefahr einer sozialen Ausgrenzung. Zugehörigkeit zu einer Gruppe ist für Menschen überlebenswichtig und wir haben alle in unserem tiefsten Inneren Angst vor Ablehnung und Ausgrenzung. Wir möchten dazu gehören. Deshalb kann es Überwindung kosten, fremde Menschen anzusprechen, Unschuldige gegenüber einer Autorität zu verteidigen oder sich bei Ungerechtigkeiten zu wehren.

Dann ist da noch der psychologische Mut, bei dem es um ganz persönliche, individuelle Belange geht. Psychologischer Mut wirkt einer Destabilisierung der eigenen Persönlichkeit entgegen. Gemeint ist damit, den Mut zu haben, der Wahrheit über sich selbst ins Auge zu blicken, sich seinen eigenen Schattenseiten oder verdrängten Anteilen zu stellen. Auch sich selbst einzugestehen, dass das eigene Selbstbild und die Wahrnehmung von aussen nicht übereinstimmen, braucht Mut. Mut hinzuschauen und aus diesen Erkenntnissen, die klaffende Lücke zu schliessen. Denn einfacher ist es, sich durch Konsum und dauernde Beschäftigung von solchen Aufgaben abzulenken.

Mehr Mut im Alltag

Gerade in Krisensituationen – wie sie unter anderem Covid19 gebracht haben – gilt: Niemand kann Momente, in denen Mut gefragt ist, langfristig und nachhaltig vermeiden.

 Um erfolgreich und zufrieden im Leben zu sein, ist die Bereitschaft, Risiken einzugehen, eine wichtige Grundvoraussetzung. Wer sich von Ängsten beherrschen lässt, verpasst Chancen auf persönliche, berufliche oder soziale Weiterentwicklung. Im Nachhinein bleibt nur der Ärger, sich nicht gegen einen Angriff gewehrt oder eine herausfordernde Gelegenheit genutzt zu haben. Umso wichtiger ist es, auf der Waage von Angst und Mut immer etwa in der Mitte stehen zu können.

Eigene Werte und Visionen

Mut in der sozialen Form hat viel damit zu tun, sich für die Verteidigung der eigenen Werte einzusetzen. Vertrauen wir unserer eigenen Intuition, haben wir automatisch mehr Mut. Wir können die Furcht vor Risiken besser überwinden, wenn wir lernen, unseren spontanen Gefühlen zu vertrauen; unserem Bauchgefühl. Gelingt uns das, handeln wir im Einklang mit unseren innersten Überzeugungen. Wir fühlen uns zufrieden, weil wir so leben, wie wir es für richtig halten, ohne uns von andern manipulieren zu lassen.

Grosse, inspirierende Visionen zu haben, ermöglicht es uns, sich mehr für uns selber vorstellen zu können. Wir sehen uns und unseren Erfolg oder ein gesetztes Ziel vor dem inneren Auge. Das macht uns mutiger, weil unsere Ziele dadurch nicht mehr so unerreichbar erscheinen. Je mehr wir uns die Zukunft oder einzelne Projekte vorstellen, sie regelrecht visualisieren, desto realer werden sie. Unser Unterbewusstsein unterscheidet nämlich nicht zwischen Fiktion und Realität und glaubt diesen Bildern.

Ehrlichkeit als A und O

Zu sich selbst und zu andern ehrlich zu sein, ist eine wichtige Basis für die Entwicklung von Mut. Indem wir die Realität negieren, anerkennen wir sie nicht. Flüchten wir uns in eine Traumwelt, haben wir keine Chance, in der Wirklichkeit unsere Träume wahrzumachen. Wie oft ertappen wir uns, gegenüber anderen Menschen nicht die Wahrheit zu sagen. Wir lassen etwas weg oder wir schweigen, um keinen Konflikt zu riskieren. Es braucht psychologischen und sozialen Mut, um gegenüber sich selbst und gegenüber anderen aufrichtig zu sein und steigert gleichzeitig unsere Fähigkeit zu mutigem Handeln. Das gelingt, indem man die befürchteten Folgen von Ehrlichkeit hinterfragt: Was ist es, was wir befürchten? Ist es Streit, Unverständnis oder Kritik von anderen, wenn wir unbequeme Dinge ansprechen? Oder möchten wir uns womöglich vor schmerzhaften Erkenntnissen über uns selbst schützen und verdrängen diese lieber?

Jeder Mensch ist von Natur aus mutig. Jeder in seiner Hinsicht etwas mehr oder weniger: Laute Typen werden plötzlich ganz still, wenn es um Höhenangst geht, und waghalsige Sportler bringen womöglich kein Wort heraus, wenn sie die Dame ihres Herzens um ein Date bitten wollen. Indem wir mehr Mut entwickeln in Belangen, die uns am Herzen liegen und uns dafür einsetzen, werden wir alle zu Helden: Zu unseren ganz eigenen Helden, die sich für ein Leben im Einklang mit den eigenen Zielen, Träumen und Werten einsetzen. Denn mutig ist nicht, wer keine Angst kennt. Mutig ist, wer sie kennt und überwindet.

kathinkarina

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