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VERTRAUEN

2. März 2020

Wir setzen alle auf Vertrauen – in Freunde und Kollegen, in Fremde, in unser Auto, in Fakten, in die Wirtschaft und den Rechtsstaat, in unser Bauchgefühl, in uns selber und darauf, dass es schon gut kommt. Wem vertrauen wir? Und was ist überhaupt Vertrauen? Ist Vertrauen ein Gefühl?

«Vertrauen ist der Anfang von allem», so lautete einmal der Slogan, mit dem die Deutsche Bank in den Neunzigerjahren ihre Finanzprodukte bewarb – und damit den Tenor der gesamten Branche traf: Sein sauer verdientes Geld gibt man nicht irgendwem. Man vertraut es allenfalls einem Menschen mit seriösem Leumund an. In der Theorie jedenfalls. Jeder weiß, was in der Praxis geschah: Jahre später folgte die große Finanzkrise und erschütterte das Vertrauen der Menschen in einem bisher unbekannten Ausmass. Weltweit fühlten sich die Menschen von Finanzexperten verraten und verkauft. Das Vertrauen – es war in diesem Fall der Anfang vom Ende…

Vertrauen: Gefühl oder Spiel?

Eigentlich ist Vertrauen ja kein Gefühl. Es ist salopp formuliert eher eine Art Wette. Auf das, was kommt, auf das, was jemand als Nächstes tun wird. Man setzt darauf, dass es gut kommt. Dass getan wird, was wir erwarten. Weil es schon früher gut kam. Und dann, wenn es nicht so kommt, wie es hätte kommen sollen und man die Wette verliert? Dann fühlt man sich betrogen und merkt plötzlich sehr klar, dass Vertrauen eben doch ein Gefühl ist. Ein sehr schlechtes in diesem Moment.

Obwohl vermutlich jeder schon einmal übers Ohr gehauen wurde oder erlebt hat, dass sein Vertrauen ausgenutzt worden ist, hält die Mehrheit von uns an dem Konzept fest, anderen eine Art sozialen Kredit zu geben. Wir werden sprichwörtlich «ent-täuscht», ärgern uns, ziehen daraus Konsequenzen, aber vertrauen doch weiterhin – nur vielleicht nicht mehr diesem einen Menschen.

Wichtig für die Gesellschaft

Aber Vertrauen ist enorm wichtig für jede Gesellschaft. Es ist der Kitt, der (vertrauensvolle) Beziehungen erst ermöglicht, private genauso wie berufliche. Laut Definition ist Vertrauen «die subjektive Überzeugung oder auch das Gefühl von der Redlichkeit einer anderen Person». Wer vertraut, glaubt, dass die Aussagen oder Handlungen des anderen wahr und aufrichtig sind. Das reduziert Kontrollkosten und macht gelassen – bis das Vertrauen enttäuscht wird. «Kann man denn niemandem mehr trauen?», fragen sich folgerichtig all jene, deren Grundvertrauen zu oft von anderen Menschen missbraucht wurde. Die Konsequenzen daraus: Die einen werden misstrauisch, andere regelrecht feindselig. Sie bauen sich eine Art psychosozialen Panzer aus Skepsis und Argwohn auf, um ja nicht noch einmal hinters Licht geführt zu werden, nach dem Motto: «Wer mit der Niedertracht der anderen rechnet, kann nicht mehr böse überrascht werden». Das stimmt zweifellos, macht aber einsam und ist der Gesellschaft und Beziehungen geschäftlicher und privater Art nicht förderlich.

Letztlich ist Vertrauen ein erlerntes Verhalten, das auf guten Erfahrungen basiert und bis in die Kindheit zurückreichen kann. Wer früh gelernt hat, dass er Erfolge aufgrund seiner Einschätzung wiederholen kann und dass die Mehrheit der Menschen Vertrauen belohnt, bleibt auch später vertrauensvoll. Wir müssen nur auf die Signale unseres Bauchs hören. Solange wir warnende Impulse nicht in den Wind schlagen, dürfen wir getrost vertrauensvoll bleiben. Dann kommt es gut.

kathinkarina

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