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Zeit

20. Juni 2020

Unvorstellbar für Menschen, die vor 2000 Jahren lebten, dass es Computer gibt. Dass wir heute alle Informationen in der Cloud speichern. Dass Computer unsere Maschinen, unser Leben und sogar uns Menschen steuern. Nicht einmal nur annähernde Möglichkeiten wurden in Betracht gezogen. Genauso unvorstellbar ist es für uns heute, dass wir in Zukunft mittels Telepathie miteinander kommunizieren. Die Zeit läuft. Niemand weiss wie schnell. Denn Zeit könnte auch relativ sein. 

Jetzt sind wir also angekommen, in der modernen Zeit. Nicht im Traum hätte sich der Steinzeitmensch vorgestellt, dass Wissen einst durch Schriften weitergegeben wird. In keiner Art und Weise wären Menschen um die Zeit Christi darauf gekommen, dass wir uns heute von Computern steuern lassen, sämtliches Wissen im Netz gespeichert ist und wir uns ohne Handy nackt fühlen. Die Entwicklung schreitet immer schneller voran. Wohin uns wohl die nächsten 100 Jahre bringen? Nicht nur Mobilnetze schwingen höher. Es ist auch an der Zeit für uns Menschen, schneller zu schwingen. Astrologen reden vom Wassermannzeitalter, der Zeit der Veränderung. Zeitforscher erklären neue Kommunikationstechnologien, reden von «social disrupting». Digital Disruption war gestern. Nils Müller, Gründer der renommierten Trendforschungsfirma Trendone mit Sitz in Hamburg und Zürich, hatte mir schon vor zwei Jahren erzählt, dass wir in absehbarer Zeit wohl keine Handys mehr herumtragen werden und uns Messages und Informationen via Brillengläser oder Linsen direkt ins Auge einblenden lassen können. Mitarbeiter seines Teams tragen schon heute implantierte Mikro-Chips unter der Haut ihres Handrückens, die ihnen Kreditkarten und Schlüssel ersetzen. Oder geht es sogar noch einen Schritt weiter? Unterhalten wir uns in 100 Jahren mit oder ohne Chip, auf eine telepathische Art? Im Moment unvorstellbar. Aber waren das Computer vor 2000 Jahren nicht auch?

Im Gegensatz zu den Menschen, welche Hunderte Jahre vor uns lebten, haben wir heute zwar durch Technologien mehr Möglichkeiten, die Zukunft zu erforschen. Dennoch kann niemand mit Sicherheit sagen, wohin und wie schnell die Reise geht. Tatsache ist, dass wir in einer informationsüberfluteten und schnelllebigen Zeit leben. 

Zeitliche Entwicklung 

Seit jeher rechnen wir in Minuten, Stunden, Tagen. Unsere Evolution dauert schon Jahrhunderte, Jahrtausende: In der Jungsteinzeit wandelten sich Jäger und Sammler allmählich zu Bauern. Die vorher übliche nomadische Lebensweise wurde abgelöst. Es gruppierten sich Siedlungen um Ackerbauflächen, Menschen fingen an, Tiere zu halten. Die umherziehenden Klein- und Familiengruppen wurden sesshaft und lebten in immer grösseren Gemeinschaften zusammen.

Die Lebensumstände wurden komplexer. Zumal für damalige Verhältnisse. Betrachten wir die Komplexität aus heutiger Sicht, mag diese Beschreibung höhnisch klingen. Damals aber liessen sich Besitzverhältnisse und Verwaltungsorganisation nicht mehr nur mündlich überliefern. Langsam entwickelte sich die Schrift. Das Alter der Schrift kann nicht genau bestimmt werden und verschwimmt in nebulöser Vorzeit. Es dauerte über 2-3000 Jahre, bis aus den anfänglichen Hieroglyphen, über das griechische und lateinische das heutige Alphabet entstand. 

Die Erfindung des Schreibens und der Schrift gehört zu den grössten Errungenschaften in der Geschichte der Menschheit. Eine Errungenschaft, die für den modernen Menschen von heute längst eine Selbstverständlichkeit des Alltags geworden ist. Die Erfindung der Schrift hatte einen gewaltigen Modernisierungsschub eingeleitet. Bereits im 15. Jahrhundert wurde der Buchdruck erfunden. 

Bis zur Entwicklung der Dampfmaschine im 18. Jahrhundert gab es nur kleinere Handwerksbetriebe. Die Dampfmaschine schuf die Grundvoraussetzungen für das Leben, wie wir es heute kennen. Sie vereinfachte nicht nur den Transport, sondern revolutionierte auch die Produktion von Waren. Und die Dampfmaschine ermöglichte den Bau riesiger Fabriken. Sie führte zur industriellen Revolution, welche im 19. Jahrhundert in ganz Europa einen Wandel herbeiführte: Von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Neue Technologien und Wirtschaftszweige entwickelten sich, die Gesellschaft musste sich an neuen Arbeitsverhältnissen anpassen und veränderte sich grundlegend. Parallel zum Wandel voller Neuerungen und Chancen entwickelten sich deshalb auch soziale Missstände. Die Menschen schafften es oft nicht, sich so schnell an die Änderungen anzupassen. Insbesondere der Übergang vom Land zur Stadt als neuer Arbeits- und Lebensmittelpunkt, machte vielen Mühe.

Die Uhren drehen schneller

Schrift, Dampfmaschine, Computer. Seit jeher haben einschneidende Entwicklungen diejenige des Menschen geprägt. Heute geht es nicht mehr darum, wo unser Lebensmittelpunkt ist. Alles ist global, die Arbeit von überall her möglich. Digitalisierung heisst das Zauberwort. Maschinen lösen Menschen ab, weil sie schneller sind, effizienter. Der Wandel geht weiter. Er mag zwar etwas leiser sein, als derjenige der Industrialisierung. Vielleicht ist er etwas verborgener. Und wahrscheinlich ist er anonymer. Auf alle Fälle geht so manches immer schneller. In einer Stunde hat heute mehr Platz als vor 100 Jahren. In den letzten Monaten lernten viele von uns, was es heisst, im Homeoffice zu arbeiten. Auf sich selbst zurückgestellt zu sein. Und einigen hat diese Zeit gutgetan. Weil die Uhren in einer schnelllebigen Epoche etwas langsamer drehten. 

«Ich habe keine Zeit.» Millionen von Menschen denken so und leiden darunter. Sie erzeugen Hetze, Hast und Geschwindigkeit, Beschleunigung und letztlich ein Gefühl der Erschöpfung bis hin zum Burnout. «Ich muss noch schnell, das oder jenes machen», oder «warte mal schnell…». Verrückter Gedanke. Können Sie sich vorstellen, wie das gehen soll? «Ich habe zu wenig Zeit», schafft das Gefühl des Mangels in uns. Wir erklären damit, wie wir das Leben sehen. 

Nicht genug Zeit zu haben führt zu Stress. Die Frage ist vielmehr, ob wir in der Zeit sind? Sind wir präsent bei dem, was wir gerade tun? Viele Menschen sind nicht wirklich da. Sie verlieren sich im Tun oder im Denken. Sind wir im Denkmodus, befinden wir uns entweder in der Vergangenheit «ich hätte doch besser…» oder in der Zukunft «hoffentlich, kann ich dann…..». Die Zeit aber existiert nur jetzt. Nicht vor fünf Minuten und nicht in einer Stunde. Glücklich sein können wir nur jetzt. Die Geschenke des Lebens können wir nur im Jetzt empfangen. Sind wir nicht im Präsenz sondern in der Vergangenheit oder in der Zukunft, dann können wir diese Geschenke nicht empfangen, weil wir sie nicht sehen können.

Zeit ist relativ

Unser Atemrhythmus, ein Tag, eine Woche, ein Monat, ein Jahr, Vollmond, Neumond, Jahreszeiten, Projekte, von der Geburt bis zum Tod: Unser ganzes Leben besteht aus Zyklen und Kreisläufen. Zeit existiert auf der Zeitschiene, welche die weltgeschichtliche Entwicklung dokumentiert. Und doch hatte Einstein schon dargelegt: Zeit und Raum sind relativ. Albert Einsteins Relativitätstheorie gehört zu den kompliziertesten Modellen der modernen Physik. Und ausgerechnet er selbst erklärte das schwierige Thema am eindrucksvollsten: «Wenn man zwei Stunden lang mit einem netten Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute.»

Könnte es sein, dass die lineare Zeit eines unseren Paradigmen ist? Eine gesellschaftlich etablierte und im Allgemeinen sich herauskristallisierte Annahme? Was, wenn alles schon in einer anderen Dimension existiert? Wir manchmal in der Zukunft oder in der Vergangenheit gefangen sind, uns aber in der Gegenwart befinden? Was, wenn genau das der Grund ist, dass wir Druck und Stress ausgesetzt sind und das Gefühl haben, nie angekommen zu sein? Was, wenn unsere Zukunft schon bestünde, einfach in einer Dimension, die unser Verstand nicht erfassen kann?

Vielleicht gehen diese Gedanken etwas zu weit. Was aber sicher ist: Corona hat uns gezeigt, wie es sich anfühlt, wenn wir die Freizeit nur mit unserer Familie, mit uns selber oder mit der Natur füllen können. Keine Partys, kein Essen in Restaurants, keine Treffen mit Freunden, verwaiste Spielplätze, geschlossene Museen und Schwimmbäder, geschlossene Grenzen und verbotene Urlaubsreisen. Die Schweiz, Europa, ja praktisch die ganze Welt stand plötzlich still. Dieser plötzliche eingetroffene Zustand war ungewohnt für uns alle, löste Ängste aus. Aber er öffnete beim einen oder andern eine neue Perspektive. Unser nie endender Aktivismus hatte sich zugespitzt, hatte den Zenit erreicht. Erst das erzwungene Zurückgeworfensein auf uns selber, hat uns Erkenntnisse gebracht, jedem seine eigenen. Ich bin sicher, dass einige nach der Krise nicht mehr so ungesund viel arbeiten, dass es wieder mehr um Lebensqualität geht und nicht mehr so stark um Rendite und Profit. Und darum, dass wir wieder sagen können, «ich habe Zeit».

kathinkarina

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